Samstag, 14. Mai 2016
Eleison Kommentare CDLXI (461)

Christliche Gefühle

Bischof Williamsons Eleison Kommentare,
Nummer CDLXI (461)

Christus zeigte, daß das Leiden ist ein Geschenk gar lieb.
Für bedrückte Seelen liegt hierin der benötigte Auftrieb
.

 

Wie konnte es dem Papst Benedikt überhaupt in den Sinn kommen, daß Gottvater grausam gewesen wäre, als er den Gottessohn veranlaßte, die Schuld für die Sünden der Welt zu bezahlen (vgl. EC der letzten Woche)? „Ich bin gekommen, um getauft zu werden,“ sagt der Gottessohn selber, und „wie ich danach verlange, bis es vollbracht ist“ (Lukas 12, 50). Die heilige Theresa von Avila wollte „leiden oder sterben.“ Die heilige Maria Magdalena von Pazzi wollte eher „leiden und nicht sterben.“ Das folgende Zitat soll das christliche Verständnis vom Leiden erklären, welches dem modernen Benedikt fehlt:

Wem kann ich sagen, was ich erleide? Niemandem auf dieser Erde, denn es ist kein irdisches Leiden, und keiner auf dieser Erde verstünde es. Dieses Leiden ist ein süßer Schmerz und eine schmerzvolle Süßigkeit. O wie wünschte ich, zehn-, nein, hundertmal so viel leiden zu können. Um keinen Preis wollte ich es nicht mehr leiden. Dennoch bedeutet dies nicht, daß ich nicht wirklich leide. Nein, ich leide, wie wenn ich an der Kehle gepackt würde, zerdrückt zwischen den Zangen eines Schraubstocks, verbrannt in einem Ofen, durchbohrt bis zum Herzen.

Wäre mir erlaubt, mich zu bewegen, auf mich allein gestellt zu sein, so daß ich herumlaufen und singen könnte, um herauszulassen, was in meinem Inneren ich fühle, weil der Schmerz wahrhaft gefühlt wird, so würde dies eine Erleichterung sein. Doch ich bin festgenagelt wie Jesus Christus am Kreuz. Weder kann ich mich bewegen, noch auf mich alleine gestellt sein, und ich muß mir auf die Zunge beißen, um nicht jemandes Neugier auf meine süße Qual zu befriedigen. Mir auf die Zunge zu beißen drückt es noch mild aus. Nur durch große Anstrengung kann ich das Verlangen zurückhalten, meine übernatürliche Freude und Qual laut hinauszuschreien, welche im Innern aufquillt und herausplatzen möchte mit der ganzen Kraft einer Flamme od er Springquelle.

Das vor Schmerz getrübte Gesicht Jesu, als Pilatus ihn dem Pöbel zeigt, zieht mich an, als ob ich eine Katastrophe anschaute. Er steht vor mir und sieht mich an, während er aufrecht auf den Stufen des Prätoriums (das Gebäude des römischen Statthalters) steht, sein Haupt gekrönt mit Dornen, seine Hände gebunden vor dem Spottgewand, welches Herodes ihm gab, um ihn zu verhöhnen – in Wirklichkeit aber kleidet dieses Gewand ihn mit einer Weißheit, welche perfekt zu seiner Unschuld paßt. Er sagt nichts, aber alles in ihm wirkt sprechend, zu mir rufend, um etwas mich bittend.

Worum bittet er? Er will, daß ich ihn liebe. Ich weiß, das ist es, und ich gebe es ihm solange, bis ich spüre, daß ich sterbe durch ein meine Brust durchbohrendes Schwert. Aber er bittet mich immer noch um etwas, was ich nicht verstehe. O wie wünschte ich, zu verstehen! Das ist eine Qual für mich. Ich wünschte, ihm alles geben zu können, was er verlan gt, selbst wenn ich eines qualvollen Todes sterben müßte. Doch nach wie vor kann ich ihm dies nicht geben.

Sein von Schmerz erfülltes Gesicht zieht mich an und fasziniert mich. Er ist schön genug, wenn er der Meister oder der vom Tode Auferstandene ist: ihn dann so zu sehen, erfüllt mich lediglich mit Freude, wohingegen ihn in Schmerzen zu sehen mich mit einer unergründlichen Liebe erfüllt, welche sogar von der Liebe einer fürsorglichen Mutter für ihren leidenden Sprößling nicht übertroffen wird.

Ja, ich verstehe doch. Mitfühlende Liebe ist die Kreuzigung des Geschöpfes, welches seinem Meister den ganzen Weg bis zur endgültigen Marter folgt. Es ist eine tyrannische Liebe, welche den Gedanken an alles andere als an diese seine Qual ausschliesst. Wir gehören nicht länger uns selbst. Wir leben nur noch, um ihn in seiner Folter zu trösten, und seine Folter ist unsere Qual, welche buchstäblich uns umbringt. Und dennoch ist jede von uns unte r Schmerz herausgepreßte Träne teurer als eine wertvolle Perle, und jeder seiner Schmerzen, in welchen wir eintauchen können, ist begehrter als jeder Schatz.

Pater, ich habe versucht, dir zu sagen, was ich durchmache, doch vergeblich. Unter all den Visionen, welche Gott mir gegeben hat, wird immer der Anblick seines Leidens es sein, welcher meine Seele in den siebten Himmel erhebt. Aus Liebe zu sterben, während ich seine Leiden betrachte — welcher Tod könnte schöner sein?

 

Kyrie eleison.

 

(14. Mai 2016)

 

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